Warum Videospiele so faszinierend sind

Im Schaffensrausch durch virtuelle Herausforderungen
Foto: Stephen Coburn/123rf.com
Foto: Stephen Coburn/123rf.com

Immer mehr Menschen aus allen Altersschichten spielen Videospiele. Doch was ist eigentlich das Faszinierende an so einem Spiel und der Grund, weshalb vor allem Kinder und Jugendliche von diesem Medium begeistert sind?

Ohne den Spieler läuft nichts, alles wartet auf ihn. Die Geschichte wird mit seinen Taten erst weiter erzählt, in manchen Spielen kann der Benutzer sogar Einfluss auf entscheidende Wendungen in der Handlung nehmen. Kurz gesagt: Es ist die Interaktivität, die Videospiele so besonders macht.

Bei Filmen und Büchern können wir uns das Ende der Erzählung theoretisch schon vorab ansehen, ein Spiel hingegen offenbart seinen Ausgang erst, wenn wir uns von Aufgabe zu Aufgabe gespielt haben. Einige Spiele bieten die Möglichkeit, den vorgegebenen Pfad zu verlassen und die virtuelle Spielwelt frei zu erkunden. Abenteurer können so manche Geheimnisse entdecken – was wartet wohl hinter dem nächsten Hügel? In manchen Spielen verändern unsere Entscheidungen sogar den Ausgang der Geschichte. Jeder Spieler erlebt ein anderes, persönliches Ende.

Um es genauer zu definieren: Während wir in Filmen und Büchern die von anderen geschaffene Welt nur betrachten können, dürfen wir sie in Videospielen erkunden. Das ist ein entscheidender Faktor, der Spiele anders erlebbar macht, als alle anderen Medien. Diese virtuelle Welt fordert den Spieler heraus und will von ihm gemeistert werden.

Was passiert, wenn’s passiert?

Interaktivität bedeutet an etwas teilzunehmen. So genannte „Open-World“-Spiele (zu Deutsch: Offene Welt) setzen dem Spieler nahezu keine Grenzen, er kann jeden Winkel der virtuellen Umgebung erkunden und mit diversen Objekten interagieren. Diese Welt können wir nach unseren Vorstellungen gestalten und verändern, wir können darauf einwirken, eine Aktion starten und sehen, was passiert.

Besonders bekannt für dieses Prinzip ist die Spielreihe „Grand Theft Auto“ – vielen unter dem Kürzel „GTA“ bekannt. Hier betreten wir das virtuelle Abbild einer Großstadt, mitsamt belebter Einkaufsmeile, Straßenverkehr und allem, was so eine Stadt eben pulsieren lässt. Der Spieler kann sich diverser Mittel bedienen, um in dieses System einzuwirken: Autos klauen, Chaos stiften, Gesetze brechen. Da „GTA“ unsere Lebenswelt sehr exakt nachbildet, wirkt das Spiel auch umso realistischer. Es bietet die Möglichkeit, eine uns bekannte Welt – das Abbild der Realität – virtuell zu betreten und darauf einzuwirken.

Keine Idee ist dumm genug: Was passiert, wenn ich eine Rakete in einen Bus schieße? Was unmoralisch und brutal klingt, ist ja aber im Spiel reine Fiktion. Und wer das weiß, der probiert das eben einfach mal aus – und schaut, was geschieht. Dabei ist es wahrscheinlich nicht die Gewaltdarstellung in den „GTA“-Spielen, die so viele Menschen an diese Spielereihe lockt. Es ist die Freiheit, die diese Spiele bieten, umgeben in einem sehr realistischen Abbild unserer Realität. Und die damit verbundenen Fragen: „Was passiert, wenn ich dies oder jenes mache? Wie reagiert die Umwelt auf mich?“.

„GTA“ ist dementsprechend konsequent: Wer eine Rakete in einen Bus feuert, tötet und verletzt (virtuelle) Menschen – und macht die Polizei auf sich aufmerksam.

Mit Videospielen im "Flow"

Warum Spieler oft alles um sich herum vergessen

Wissenschaftler und Pädagogen haben sich mit der Frage auseinandergesetzt, warum Videospiele Menschen so sehr in ihren Bann ziehen. Ihr Schlussfolgerung: Spiele bieten vier Erlebnisbereiche, die so auch in der Erlebnispädagogik erzielt werden sollen.

  • Interaktives Erlebnis: Anders als bei Filmen, wo wir nur zusehen, können wir in Videospielen das Geschehen aktiv beeinflussen. Spiele schaffen für uns eine Gestaltungsmöglichkeit.
  • Erfolgs-Erlebnis: Spiele befriedigen den inneren Wunsch, Erfolg zu haben. Spieler können je nach ihren Fähigkeiten den Schwierigkeitsgrad anpassen – das geht im echten Leben nicht.
  • Soziales Erlebnis: Ein besonderer Reiz geht vom Spielen mit anderen aus. Manche Spieler bilden Gruppen und vereinbaren gemeinsame Spielzeiten. Außerdem sind Spiele ein spannendes Thema auf dem Schulhof.
  • Flow-Erlebnis: Die Aufgaben des Spiels fordern heraus aber überfordern im Idealfall nicht. Spieler gehen in ihrer Beschäftigung voll auf und kommen in einen Tätigkeits- und Schaffensrausch.

Das Flow-Erlebnis

Der Begriff „Flow“ wurde von dem Psychologie-Professor Mihály Csíkszentmihályi geprägt. Für ihn ist Flow ein Zustand, bei dem man in seiner Tätigkeit völlig aufgeht und sich auf dem höchsten Konzentrations- und Leistungsniveau befindet.

Voraussetzung sei, dass die Tätigkeit gefällt und nicht zu anspruchsvoll ist. Die Anforderungen bei einem Videospiel müssen also mit den Fähigkeiten des Spielers im Gleichgewicht sein. Beim Eintreten in eine solche Phase entstehe eine Selbst- und Zeitvergessenheit, da die Aufgabe die ganze Aufmerksamkeit erfordere. Das Phänomen ist bei Künstlern und Wissenschaftlern gängig: Man vergisst sogar zu essen, um seiner Arbeit weiter nachzugehen.

Bei Videospielen werden Spieler nach Ansicht von Pädagogen durch den eingetretenen „Flow“-Effekt vor den Bildschirm gefesselt und gehen voll in ihrer Beschäftigung auf. Sie verlieren dabei auch ihr Zeitgefühl. Wenn Sie Ihr Kind zum Essen rufen und es ist auch nach zehn Minuten noch nicht da, macht es das also nicht zwangläufig mit böser Absicht.

Jedoch sei der „Flow“-Zustand eine Erfahrung, die sich nur dann am besten nachvollziehen lässt, wenn man selbst schon einmal gespielt hat.

Ist doch alles ein Kinderspiel?

Spiele wie „GTA“ zeigen, dass Videospiele nicht per se etwas für Kinder sind. Viele Spiele sind als reine Unterhaltung für Erwachsene konzipiert, so wie ein Action- oder Horrorfilm. Doch auch die Komplexität eines Spiels spielt eine Rolle: Es liegt am Spieler, ob er mit der Zeit an den Anforderungen eines Spiels wächst. Er muss sich mit den Aufgaben beschäftigen, um schließlich sein Ziel zu erreichen. Wie er das dann letztendlich tut, ist ihm häufig selbst überlassen, er kann sich eine eigene Strategie überlegen. Der dann erreichte Erfolg ist jedoch entscheidend, damit ein Spiel Spaß macht. Ergo: Ein zu komplexes virtuelles Abenteuer frustriert sehr schnell, während zu leichte Spiele keine Herausforderung darstellen.

Ein gedanklicher Fehler, der bei Spielen für Kinder und Jugendliche oft gemacht wird, ist, dass die Qualität des Spiels keine so große Rolle spiele wie bei langjährigen, erprobten Videospielern. Man unterstellt den Jüngeren, dass sie auch mit sehr simplen Spielen ausreichend Vergnügen haben werden. Das mag für die ersten 15 Minuten womöglich noch zutreffen, doch schon sehr bald lockt ein solch simples oder gar schlechtes Spiel niemanden mehr an die Konsole. Gut gemachte Videospiele haben neben einem fairen Schwierigkeitsgrad die Eigenschaft an sich, ihren Nutzer mit wachsender Spielzeit auf immer neue Weise herauszufordern und genug Abwechslung zu bieten. Entpuppt sich ein Spiel als zu schwer oder, im Gegenteil, als einfacher Mechanismus, der sich nie ändert und schnell durchschaubar ist, verliert es an Reiz – und zwar völlig unabhängig vom Alter des Spielers.

Mit den Aufgaben wachsen

Mit jedem gemeisterten Level steigt die Bestätigung des eigenen Könnens und immer wieder lockt die Neugier, was den Spieler wohl als nächstes erwartet. Ein „kurzer Blick“ auf das neue Szenario verleitet meist sofort wieder dazu, die anstehenden Herausforderungen bestehen zu wollen und führt in ein erneutes Eintauchen in die virtuelle Welt. Und genau das ist das Besondere an Videospielen: Sie fordern uns heraus, wollen entdeckt werden, bieten uns Freiheiten, aber auch ihre ganz eigenen Regeln und Gesetze.

Je länger wir uns mit einem Spiel beschäftigen, umso besser werden wir darin. Ein entsprechendes Feedback kommt in Form von Belohnungen oder dem Freischalten neuer Inhalte. Es gibt also einen direkten Zusammenhang zwischen der Zeit, die in ein Spiel investiert wird, und dem Erfolg, den man darin erzielt. Und daher ist es auch überhaupt nicht ungewöhnlich, wenn spielende Menschen sich mit ihrem Hobby auch über einen sehr langen Zeitraum hinweg beschäftigen.

Ein Spiel kann also weit mehr sein als ein Film und sollte nicht als einfache Beschäftigungstherapie dienen, sondern als wirkliche Herausforderung. Dann beginnt die Faszination an diesem Medium, dann entstehen die Fragen: Kann ich mich verbessern? Schaffe ich das Ziel? Kann ich der Beste werden? In Mehrspieler-Spielen duellieren wir uns mit anderen um diese Fragen. Im Grunde nichts anderes als es Gesellschaftsspiele schon seit Jahrzehnten tun.

Mit anderen Spielern im Wettbewerb

Zahlreiche Jugendliche treffen sich heutzutage regelmäßig zu sogenannten LAN-Partys. Sie vernetzen ihre Computer oder Spielkonsolen miteinander und duellieren sich auf virtuellem Raum. Diese Partys finden in kleinen Runden statt, mittlerweile sind große Events in Sport- oder Lagerhallen aber ebenfalls gang und gäbe. Man nennt das „E-Sport“ – also elektronischen Sport.

Was zählt, ist der Wettbewerb. Denn es gewinnt derjenige, der das Spiel am besten beherrscht. Oder das Team, welches sich am besten miteinander abgesprochen und eine kluge Taktik entwickelt hat. Teamplay ist gefragt, Einzelgänger haben keine Chance. Bevorzugt werden Ego-Shooter, Rollenspiele oder Strategie-Spiele gespielt.

Auch bei Mehrspieler-Spielen wie Autorennen, Karaoke oder Fußball geht es um den Wettbewerb, entweder gegeneinander oder gemeinsam gegen den Computer, wobei sich die Spieler untereinander helfen können – „kooperativ“ heißt das dann. Auch das macht ein Videospiel faszinierend, denn es lässt mehrere Menschen gemeinsam in ein spannendes Abenteuer eintauchen.

Ihre Meinung zu diesem Beitrag?

0 0

Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtangaben sind markiert. *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Passwort vergessen

Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein, mit der Sie sich registriert haben. Sie erhalten dann einen Link, um Ihr Passwort zurückzusetzen.