Spielzeiten sinnvoll festlegen

Ein wöchentliches Stundenkonto lässt Kinder selbst entscheiden.
Foto: Nagy-Bagoly Ilona/123rf.com
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Stellen Sie sich vor, Sie lesen einen neuen Krimi und kurz bevor der Kommissar den Mörder entlarvt, klingelt es an Ihrer Haustür. Ausgerechnet jetzt, wo es doch gerade so spannend wird – aus einem guten Videospiel herausgerissen zu werden ist ähnlich ärgerlich.

Wenn es am schönsten ist soll man aufhören, lautet ein altes Sprichwort. Wie viel Wahrheit da drin steckt, sei dahin gestellt. Bei Filmen, Büchern und Videospielen stimmt es wohl nicht. Denn gerade da warten wir gespannt bis zum Ende, wohin uns die Geschichte wohl führt. Und plötzlich mittendrin aus der Handlung herausgerissen zu werden kann ganz schön frustrierend sein.

Bei Videospielen kommt neben der Neugier noch ein zweiter Faktor hinzu: In vielen Situationen muss der Spieler eine bestimmte Aufgabe erst abschließen, bevor er seine Fortschritte abspeichern kann. Muss die Spielkonsole aber mit dem Glockenschlag der Uhr ausgeschaltet werden, könnten alle Errungenschaften verloren gehen. Frust ist vorprogrammiert. Es muss also eine andere Lösung her.

Tage festlegen, an denen gespielt wird

Pädagogen raten deshalb, keine festen Uhrzeiten festzulegen, sondern zusammen mit den Kindern spielfreie Tage und Spieltage zu vereinbaren. Die Spieltage ermöglichen es, den Videospielen die nötige Zeit zu geben, und mit dem Bedürfnis, ein bestimmtes Level im Spiel zu Ende zu bringen, flexibler umzugehen. Gleichzeitig räumt diese Vereinbarung anderen Hobbys und Pflichten an den restlichen Tagen genug Platz ein.

Die Spielzeiten sollten Sie gemeinsam mit Ihren Kindern vereinbaren und nicht über deren Kopf hinweg entscheiden. Es spielt nämlich auch eine Rolle, welche Spiele Ihr Nachwuchs spielt: Rennspiele können zwischendurch mal eingelegt und nach einer Runde beendet werden. Bei Abenteuer- und Rollenspielen kann das Meistern eines Spielabschnitts hingegen etwas länger dauern.

Empfohlene Spielzeiten nach Alter

Klar, Ihr Kind sollte nicht stundenlang spielen. Aber was für eine Zeit macht Sinn? Pädagogen empfehlen je nach Alter folgende Zeiträume:

4 bis 6 Jahre:
Wenn überhaupt, dann nur gemeinsam mit einem Erziehenden und für einen sehr kurzen Zeitraum

7 bis 10 Jahre:
zirka 30 bis 45 Minuten pro Spieltag

11 bis 13 Jahre:
zirka 60 bis 75 Minuten pro Spieltag

ab 14 Jahren:
ab diesem Alter sollten Eltern flexible Zeiträume für Videospiele mit Ihren Kindern vereinbaren

»Medienbudget« für Jugendliche

Ein Tipp von Pädagogen ist das Festlegen eines Medienbudgets für Jugendliche – also ein Stundenkonto für die Mediennutzung. Denkbar wäre beispielsweise Ihrem Kind pro Woche fünf Stunden Mediennutzung zu erlauben. Wann es diese Stunden einsetzt, bleibt Ihrem Kind überlassen. Sind die Stunden aber verbraucht, war es das für die Woche.

Beachten Sie den gesamten Medienkonsum Ihres Kindes

Nicht nur die Spielkonsole zählt!

Da zum Alltag von Kindern und Jugendlichen heutzutage nicht nur Videospiele gehören, sondern auch das Fernsehen, der Computer und mobile Geräte wie Smartphones, ist es ratsam, die Nutzung all dieser Medien in einer einzigen Zeit-Einteilung aufzusplitten.

So können Sie beispielsweise bei älteren Kindern eine allgemeine Mediennutzung vereinbaren und Ihr Kind selbstständig entscheiden lassen, wie es diese Zeit dann aufteilt. Als Beispiel: Täglich eine Stunde, aufgeteilt in 30 Minuten an der Konsole und 30 Minuten vor dem Fernseher.

Wer öfter spielt, wächst mit seinen Fähigkeiten

Ohne Frage: Darauf zu achten, dass gewisse Regeln eingehalten werden, ist für Eltern ein harter Job. Die Festlegung und Einhaltung einer bestimmten Spielzeit führt immer wieder zu Diskussionen. Meistens fällt es den jungen Spielern schwer, sich von einem faszinierenden Spiel zu lösen. Immer wieder lockt die Neugier, was wohl als nächstes im Spielablauf wartet.

Genau das ist das Besondere an Videospielen: Sie fordern heraus, wollen entdeckt werden, bieten Freiheiten, aber auch Regeln und Gesetze. Je länger wir uns mit Spielen beschäftigen, umso besser werden wir darin. Ein entsprechendes Feedback kommt in Form von Belohnungen oder dem Freischalten neuer Inhalte. Es gibt also einen direkten Zusammenhang zwischen der Zeit, die in ein Spiel investiert wird, und dem Erfolg, den man als Spieler erzielt. Psychologen sprechen dabei vom „Flow“-Zustand: Er bezeichnet das Gefühl der völligen Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit.

Schaffensrausch durch Videospiele

Wer „im Flow“ ist, sei in einem Schaffens- beziehungsweise Tätigkeitsrausch. Der Psychologe Siegbert A. Warwitz hat sich empirisch mit dem Phänomen des Flow-Erlebens in verschiedenen Altersstufen auseinandergesetzt. Dabei kam er zu dem Ergebnis: Das „Urbild des Menschen im Flow“ sei das „spielende Kind, das sich im glückseligen Zustand des Bei-sich-Seins“ befinde. Genauer ausgedrückt: Das in seinem Spiel voll aufgehende Kind spiele nicht nur Robinson, sondern es ist Robinson, so Warwitz.

Der „Flow“-Zustand führe zur völligen Verschmelzung von Handeln und Bewusstsein. Eine Außenwelt existiere nicht, das Zeitgefühl verändere sich. Eine Folge: Das Kind überhört das Rufen der Mutter. Wenn Spieler trotz der Ankündigung „In zehn Minuten gibt es Essen“ auch nach 15 Minuten nicht am Tisch sitzen, muss das keine böse Absicht sein. Sie haben womöglich schlicht durch den Schaffensrausch das Zeitgefühl verloren.

Ist das nun etwas Gutes? Laut Pädagogen ist der Schaffensrausch der gewünschte Effekt von Erlebnispädagogik – und der Traum eines jeden Arbeitgebers. Dass man vor lauter Arbeit die Zeit vergisst, weil sie einem so liegt und so viel Spaß macht, ist der ideale Zustand. Erreichen tun ihn wohl nur wenige Menschen. Wenn es dann aber zumindest in der Freizeit gelingt – warum nicht?

Keine Angst, wenn sehr viel gespielt wird

Es ist durchaus normal, wenn Jugendliche viel Zeit mit Games verbringen

Videospiele sind ein prima Ablenkungsmittel. Wenn die Schule nervt, Freunde keine Zeit haben oder der erste Liebeskummer plagt, ist so ein virtueller Ausflug durchaus wohltuend. Dass junge Menschen in solchen Phasen sehr viel spielen, kann also absolut normal sein und muss Sie nicht beunruhigen. Manchmal ist der Grund auch viel simpler: Wenn ein Spiel neu auf dem Markt erschienen ist, auf das schon monatelang gewartet wurde, muss es natürlich erst mal ausgiebig ausprobiert werden. Normalerweise geht das bald wieder vorbei.

Kritisch wird es, wenn die Vielspiel-Phase anhält. Wie Sie das erkennen und was Sie dann tun können, lesen Sie in diesem Artikel.

Videospiele nicht als Druckmittel einsetzen

Die Anziehungskraft von Videospielen birgt natürlich auch die Gefahr, dass sich jemand zu lange mit einem Spiel beschäftigt. Gerade Kinder brauchen deshalb klare Vorgaben und Regeln. Eltern müssen Vorbild sein und für die Einhaltung der Regeln sorgen. Machen Sie Ihrem Kind die Konsequenzen klar, wenn es Abmachungen bricht.

Sie können ein gutes Verhalten Ihrer Kinder belohnen. Doch Vorsicht: Pädagogen raten davon ab, Videospiele als erzieherisches Druckmittel einzusetzen. Dadurch erhielten sie einen ungewollt hohen Stellenwert im Alltag Ihrer Kinder. Belohnen und bestrafen Sie also nicht mit mehr oder weniger Zeit fürs Spielen.

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