„Tropico 6“ im Test: Gut, aber auch sehr anspruchsvoll

Ein Strategie-Schwergewicht.

„Tropico 6“ ist ein gutes, aber auch sehr anspruchsvolles Strategiespiel. Wir haben beim Aufbau und der Verwaltung unseres Inselstaates so viele Einstellungsmöglichkeiten, dass jüngere Spieler etwas überfordert sein könnten.

Herr über die eigene Inselgruppe zu sein, das ist schon ein ziemlich spannender Gedanke. In „Tropico 6“ wird das möglich – und wir können selbst entscheiden, ob wir lieber den friedfertigen Herrscher oder den Diktator raushängen lassen. Das Aufbauspiel erlaubt uns, nach eigenen Wünschen einen kleinen Staat aufzubauen. Wir führen unsere eigene Bananenrepublik durch vier Epochen – von der Kolonialzeit bis in die Moderne. Dass es dabei viel zu tun gibt und ständig neue Herausforderungen auf uns zukommen, erklärt sich von selbst. Tatsächlich ist „Tropico 6“ kein leichtes, sondern ein ziemlich komplexes Spiel. Es ist zwar ab 12 Jahren freigegeben, könnte aber jüngere Spieler auch mal etwas überfordern. Denn wir bauen nicht nur unsere Städte auf, sondern müssen außerdem deren Wirtschaft im Auge behalten und uns um die Politik kümmern mit reichlich Diplomatie. Wer sich aber wirklich auf ein gutes Strategiespiel einlassen kann und sich für Städtemanagement begeistert, kriegt hier eine rappelvolle Kiste zum Spielen!

„Tropico 6″ gibt es schon seit Längerem für den PC und eigentlich ist es auch für diese Plattform gemacht. Sprich, mit Maus und Tastatur steuert sich so ein Spiel nun mal am allerbesten. Auf der Konsole müssen wir mit dem Controller über unsere Insel navigieren, Gebäude platzieren, Wege anlegen und Befehle ausführen – die Steuerung wirkt dadurch etwas überladen. Allerdings haben die Entwickler es ganz gut hinbekommen, all diese Elemente unterzubringen. Es bedarf aber definitiv Eingewöhnung und etwas Geduld.

Leichter Einstieg, komplexe Weiterentwicklung

Dank mehrerer Tutorials ist der Einstieg in das Spiel sehr leicht. Sie erklären uns das Prinzip von „Tropico 6“ Schritt für Schritt. Dabei wird jeder wichtige Aspekt des Spiels erklärt, vom Bauen bestimmter Gebäude über unsere Finanzplanung bis hin zur Bedeutung der vielen kleinen Management-Menüs. „Tropico 6“ bietet tonnenweise Möglichkeiten und hat sehr abwechslungsreiche Missionen, aber genau deshalb ist es auch sehr komplex. Die Tutorials sollten Einsteiger daher unbedingt alle durchmachen.

Unsere wesentliche Aufgabe besteht darin, das Inselreich mit der nötigen Infrastruktur zu versorgen und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Wir bauen Straßen aus, errichten Häfen und Transportwege für den Güterverkehr, im- und exportierten Rohstoffe, handeln mit anderen Nationen und sorgen für das Wohl der Bevölkerung. Dazu gehört, Häuser oder Wohnanlagen zu bauen, den Tourismus mit Sehenswürdigkeiten oder Hotels zu bedienen, Krankenhäuser oder Gefängnisse zu errichten und Plantagen oder andere Industrie für die Lebensmittelproduktion aufzubauen. Wir besiedeln dabei nicht nur eine Insel, sondern gleich mehrere, voneinander unabhängige kleine Inseln. Diese miteinander zu verbinden und so ein in sich funktionierendes Waren- und Handelssystem aufzubauen, ist die wesentliche Neuerung in „Tropico 6“. Da wir zeitlich vier Epochen durchmachen, ist unser Inselreich im steten Wandel. Vor allem neue Technologien verändern und erweitern unsere Möglichkeiten. Flottere Fahrzeuge und Tunnel durch Inseln beschleunigen zum Beispiel später unsere Verkehrswege.

Auch gut für eine schnelle Runde

Ob wir nun ein freundlicher Präsident sind oder ein Diktator, hängt von unserer Politik ab. Grob gesagt heißt das, dass wir unser Volk verwöhnen und mit tollen Einrichtungen und finanziellen Zuwendungen glücklich machen können. Oder aber wir trimmen sie auf Produktion und fordern Arbeit und Fleiß ohne Extras. Die einzelnen Aufgaben, die wir dazu erledigen müssen, können wir fast immer nach Belieben angehen. Wir haben mehrere Missionen zur Wahl in loser Reihenfolge. Das macht „Tropico 6“ trotz seiner Komplexität zu einem Spiel für eine schnelle Runde. Ebenso kann man aber auch stundenlang spielen und sich durcharbeiten.

Da die Wirtschaft und Industrie einen wichtigen Aspekt unseres Inselstaates darstellt, hat der Spieler etliche Einstellungsmöglichkeiten und kann viel Einfluss nehmen.

Ist unser Inselreich einmal errichtet, geht es nicht nur darum, es weiter aufzubauen, sondern auch am Leben zu halten. Unserer Bevölkerung muss es gut gehen, wir haben dafür sogar Blick auf ihren Gemütszustand und können jeden einzelnen Bewohner anwählen. Gute Versorgung, der Arbeitsplatz, die Möglichkeiten für Unterhaltung oder ein hohes Sicherheitsgefühl wirken sich positiv aus. Hier muss der Mix stimmen. Wer zum Beispiel militärische Anlagen baut, verliert bei seinen Bürgern das Freiheitsgefühl. Aber ganz ohne Militär geht es auch nicht, denn falls Rebellen durch unsere Straßen ziehen, müssen wir diese aufhalten können. Ob Rebellen auftauchen, hängt aber ebenfalls von unseren Entscheidungen ab: Je härter wir herrschen, desto mehr Rebellen drohen uns.

Neben der Infrastruktur muss auch unser Wirtschaftssystem den Wünschen der Bevölkerung gerecht werden. Wir können heiß begehrte Waren herstellen, um sie glücklich zu machen. Zugleich lassen sich produzierte Erzeugnisse exportieren, was unsere Kassen auffüllt. Natürlich geht das nicht ohne den nötigen Rohstoff. Hier kommen dann wieder unsere Transportwege ins Spiel. Manche Rohstoffe sind nur auf bestimmten Inseln verfügbar – da müssen wir uns also andocken. Und dann wären da noch die Löhne für unsere Arbeiter, die wir im Auge behalten müssen. „Tropico 6“ ist teilweise ganz schön bürokratisch. Es gibt etliche Untermenüs, in denen wir auf fast jeden Aspekt des Inseltreibens Einfluss nehmen können. Nicht immer wird klar, was genau eine bestimmte Einstellung verändert oder warum es in einer Produktion plötzlich zu Problemen kommt. Dieses teils sehr kleinteilige Gefummel ist sicher nicht jedermanns Sache.

Wir müssen uns trotzdem der Wahl stellen

Während unseres Aufstiegs zu einem mächtigen Präsidenten gesellen sich immer mehr Vertreter aus Außen- und Innenpolitik dazu. Die verfolgen bestimmte Ziele in unserer Stadt oder fordern unsere Unterstützung bei bestimmten Anliegen. Anfangs unterstehen wir nur der Krone, später müssen wir Politik mit anderen Nationen betreiben. Dann wird’s so richtig diplomatisch. Je nachdem, auf welche Seite wir uns schlagen, erhöht oder verschlechtert sich unser Ruf bei anderen Parteien. Die Industriellen auf unserer Insel wollen wachsen, die Naturschützer hingegen das Grüne bewahren. Wem kommen wir entgegen? Die Gruppen wollen meist bestimmte Warenlieferungen oder den Bau von Gebäuden. In den bereits erwähnten Aufgaben erledigen wir solche Dinge für die verschiedenen Fraktionen. Religiöse wollen eine Kathedrale haben, die Kapitalisten hingegen lieber schöne Hotels.

Das Problem: Wir sind nicht übermächtig, sondern müssen alle paar Jahre – das Spiel ist ja in Epochen eingeteilt – als Oberhaupt vom Volk wiedergewählt werden. Und da jeder Bewohner auch in einer Interessensgruppe ist, bedeutet unser Ruf zugleich Wählerstimmen. Das kommt neben der Zufriedenheit unserer Bürger also noch obendrauf. Nur glückliche Untertanen sind uns wählende Untertanen. „Tropico 6“ wäre zwar keine Diktatorsimulation ohne die Möglichkeit, auf die Wahl Einfluss zu nehmen – zum Beispiel, indem wir einer unzufriedenen Bevölkerungsgruppe das Wahlrecht nehmen. Aber ganz aus Weg gehen können wir Volkes Stimme auf Dauer nicht. Es ist also unumgänglich, den Inselstaat sauber zu führen.

Wir besiedeln mehrere kleine Inseln und verbinden diese miteinander. Manche benötigte Rohstoffe für unsere Produktion gibt es zum Beispiel nur auf einem bestimmten Eiland.

Im Spiel gibt es neben dem freien Spielmodus (wahlweise mit unendlich viel Geld) einen Kampagenmodus mit einzelnen Missionen, in denen wir teils sehr witzige Aufträge erfüllen müssen – zum Beispiel Kokosnüsse schmuggeln oder das Errichten einer Piratenbucht, um Güter zu klauen oder Bürger zu entführen. Die Freibeuter können sogar Weltwunder und Sehenswürdigkeiten ergattern, beispielsweise das Brandenburger Tor. Ja, richtig gelesen. Und das platzieren wir dann einfach irgendwo auf der Insel. Das sieht nicht nur nett aus, die Weltwunder wirken sich außerdem positiv auf den Tourismus aus und haben jeweils bestimmte Effekte auf die Bevölkerung. Das Brandenburger Tor verhindert zum Beispiel, dass sich unsere Untertanen radikalisieren können.

Das etwas andere Strategiespiel

Die Komplexität des Spiels ist nur etwas für echte Strategiefüchse. Wer schon „Anno“, „Sim City“ oder „Cities: Skylines“ zu simpel findet, hat hier das richtige Spiel für sich. Alle anderen könnten sich ob der vielen Einstellungsmöglichkeiten etwas überfordert fühlen. Tatsächlich braucht „Tropico 6“ gerade am Anfang viel Zeit und Eingewöhnung, danach hat man dann irgendwann den Dreh raus. Leider bietet das Spiel so viel Einflussnahmemöglichkeiten, dass man auch mal den Überblick verliert oder nicht ganz klar ist, was denn da gerade passiert. Hier wären mehr Hinweise und Hilfestellungen gut gewesen.

Technisch ist das Spiel auf der PS4 sehr ordentlich und vermittelt mit einer schönen Grafik wunderbar Urlaubs- und Inselflair. Dass fast alle Hinweise professionell deutsch vertont sind, ist außerdem ein echter Pluspunkt.

Altersempfehlung:
„Tropico 6“ ist deshalb so anders als vergleichbare Strategiespiele, weil es uns viel mehr Einfluss auf ökonomische und politische Aspekte unseres Reichs gibt. Auf so etwas muss man sich aber einlassen wollen. Vieles davon hat auch eher eine erwachsene Thematik, zum Beispiel wenn es um Diplomatie oder die Verwaltung einer Industriesparte geht. Nicht alle Spielelemente erschließen sich jungen Menschen. Daher ist „Tropico 6“ trotz seiner USK-12-Freigabe inhaltlich eher etwas für Spieler ab 14 oder 16 Jahren.

Fazit
"Tropico 6" ist ein Strategie-Schwergewicht. Wir haben auf so viele Dinge Einfluss, dass es manchmal etwas zu viel wird. Wer sich so richtig auf das Spiel einlassen mag, findet aber eine rappelvolle Kiste lauter Möglichkeiten vor und wird stundenlang gut unterhalten.
Besonders gut:
  • Schöne Grafik und Präsentation
  • Sehr umfangreich und damit lange fordernd
Nicht so gut:
  • Nebenmissionen sind oft anspruchslos
  • Controller-Steuerung ist teilweise etwas überladen
8.3
Sehr gut
Abwechslung - 8
Präsentation - 9
Spieldesign - 7
Umfang - 9
Geschrieben von
... spielt leidenschaftlich an der Konsole seit er mit acht Jahren ein "Sega Master System" geschenkt bekommen hat.

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